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Von der Sonnen- zur Mehrzeigeruhr

Warum Turmuhren mit einem Zeiger heute so selten sind

 

Die Bilder, die beim Leserwettbewerb zusammengetragen worden sind, demonstrieren auf Schönste eine große Tradition, in der MeisterSinger mit seinen Einzeigeruhren steht: Es sind die mittelalterlichen mechanischen Zeitmesser an Kirch- und Rathaustürmen, die den Tageslauf mit einem einzelnen Stundenzeiger weithin sichtbar machten.

Das Antriebsprinzip ihrer neuartigen Räderwerke gehört wohl zweifellos zu den wichtigsten technologischen Leistungen der Menschheit – und doch lässt sich nicht bestimmen, wer wann und wo genau auf die geniale Idee kam, den Zeitlauf in exakt gleich kleine Schritte zu unterteilen, um ihn wirklich messbar zu machen. Ein italienischer Mönch womöglich oder ein Kleriker im englischen Exeter, wo bereits für 1284 eine mechanische Uhr nachgewiesen ist? Dass sich die neue Technik im 14. Jahrhundert rasend schnell verbreitete, lag sicher daran, dass sie allen Vorläufern weit überlegen war:

Die Sonnenuhren der Antike zeigten nur bei bestem Wetter die Zeit an; die Nacht blieb ohne Maß. Wasseruhren ermöglichten zwar sonnenunabhängige Zeitmarken, taugten aber wohl eher zur Kurzzeitmessung, weniger zur Indikation des Tageslaufs. Und die Sanduhren? Die wurden überhaupt erst im 19. Jahrhundert, nachdem man ihre Physik verstanden hatte und die gläsernen Kolben präzise fertigen konnte, zu einem zuverlässigen Instrument.

Die große Innovation der mechanischen Uhrwerke waren nicht die Zahnräder, mit denen die Kraft eines großen Gewichts auf die Drehbewegung der Zeiger übersetzt wurde. Entscheidend war das Prinzip des Oszillators, eines Bauteils, das den Lauf des Räderwerks abwechselnd hemmte und wieder freigab, um dessen Bewegung in präzise (Zeit-)Schritte zu gliedern – so wie es in heutigen Armbanduhren Anker und Unruh tun. Im Mittelalter besorgte das die  genannte Waag, ein schwerer, hölzerner Querbalken, der über dem geschmiedeten Werk hin und her schwang. Die so gemessene Uhrzeit war nach unseren Maßstäben sehr ungenau. Aber da sie für alle galt, machte sie den pünktlichen Besuch des Gottesdienstes genauso möglich wie geschäftliche und private Verabredungen. Als ab dem späten 16. Jahrhundert die ersten, besonders genauen Uhrwerke mit einem Minutenzeiger ausgerüstet wurden, lag das vermutlich nicht nur daran, dass man gelernt hatte, bessere Räderwerke aus homogenen Metalllegierungen zu bauen und deren Reibung zu minimieren. Die Organisation des frühen Manufakturwesens ließ die Bürger in immer kürzeren Zeitabschnitten denken, wie etwa in Viertelstunden, die der zusätzliche Zeiger mehr oder minder exakt auswies.

Es war dann eine wesentliche technische Neuerung, wegen der viele Turmuhren (und man ist versucht zu sagen: glücklicherweise nicht alle!) gegen Ende des 17. Jahrhunderts umgebaut wurden und einen Minutenzeiger erhielten: das verstellbare Pendel. Bereits von Galileo Galilei erdacht, wurde es zuerst 1656 oder 58 von Christiaan Huygens als Oszillator in eine Uhr eingebaut – und minimierte die tägliche Abweichung der Werke von mehr als 15 Minuten auf wenige Sekunden. So ausgestattet liefen die öffentlichen Uhren synchron mit den stattlichen Standuhren in Wohnungen und Kontoren: als Taktgeber einer Gesellschaft, in der es immer mehr auf die Minuten und bald auf jede Sekunde ankam.

Umso mehr stellt sich die Frage, warum einige große Uhren wie die im Sommerwettbewerb gezeigten ihren einzelnen Zeiger bis heute behalten haben. Einen technischen Grund kann es dafür kaum geben; sicherlich werden nur die allerwenigsten noch von einem mittelalterlichen Werk mit Waag angetrieben. Viel eher – und reizvoller – ist es doch anzunehmen, dass ihre Besitzer keine Notwendigkeit für einen Minutenzeiger sahen und ihn womöglich störend gefunden hätten in ihrer Zeitwahrnehmung. Weil sie wussten, was ihnen wichtig war und sie sich dabei bestimmt nicht von Minuten jagen ließen.